Warum „Nie wieder Krieg“ ?
 

Lehrer bombardieren Kinder,.

Bäcker feuern wild umher.

Aus den netten Jungs der Nachbarn

werden Vergewaltiger.

Der Krieg verwüstet Land und Menschen

und kein Ende ist in Sicht.

Gerhard Schöne (Auszug Liedtext „Tesnjevac“)


 

Der Krieg verwüstet Menschen auf vielerlei Weise. Dass hierzu die körperlich verletzten, verstümmelten und ermordeten gehören, dürfte allen klar sein.

Aber der Krieg verwüstet auch einen wesentlichen Teil der Täter [1] inklusive der Gesellschaft, in der die Täter leben. Dies werde ich im Folgenden anhand des Vietnamkrieges zeigen.

Die eigentlichen Opferzahlen des Vietnamkrieges sind hinreichend bekannt. Etwa 3.100.000 Vietnamesen starben direkt (davon etwa 1,1 Mio. Soldaten), weiterhin mehr als 100.000 Laoten und 300.000 Kambodschaner, außerdem 58.220 US-Soldaten [2].

Es wurden etwa 600.000 Vietnamesen und mehrere 100.000 Kambodschaner und Laoten schwer verwundet und etwa 2.000.000 Einheimische durch chemische Waffen vergiftet, von denen bis 2009 400.000 Menschen an den Folgen der Vergiftungen starben. Bei den US-Streitkräften waren 304.704 Schwerverletzte zu beklagen, von denen etwa 50.000 verstümmelt blieben.


Soweit die relativ einfach zu ermittelnden direkten Opferzahlen, die auf der Täterseite (USA) sehr exakt sind. Angaben zu den indirekten Opfern selbst auf US-Seite zu erhalten, ist dagegen nicht ganz so einfach, da offensichtlich Staatsgeheimnis. Verschiedene Studien legen nahe, dass mehr als 60.000 der US-Soldaten [3], die in Vietnam waren, Selbstmord verübten. 61.000 Vietnamkriegsveteranen waren permanent obdachlos – deutlich mehr als im US-amerikanischen Durchschnitt. Mehr als 300.000 Vietnamkriegsveteranen waren für längere Zeit im Gefängnis. Bedenkt man, dass insgesamt etwa 2.000.000 US-amerikanische Soldaten am Vietnamkrieg teilgenommen haben, ergibt sich für die US-Truppen folgende Übersicht:

 

gefallen

58.220

2,9 %

schwer verwundet

304.704

15,2 %

davon verstümmelt

ca. 50.000

ca. 2,5 %

Selbstmorde nach Kriegsende min.

ca. 60.000

 ca. 3 %

Selbstmorde nach Kriegsende max.

ca. 250.000

ca. 12,5 %

permanent obdachlos

ca. 61.000

ca. 3,1 %

zeitweise im Gefängnis

ca. 300.000

ca. 15 %

Summe tot u. verstümmelt min.

168.220

8,4 %

Summe tot u. verstümmelt max.

358.220

17,9 %

 

Auch wenn man berücksichtigt, dass es bei den obigen Zahlen „Doppelzählungen“ gibt (z.B. kann ein Verstümmelter auch Selbstmord begehen, ggf. nachdem er im Gefängnis war), sind mindestens zwischen 30 und 40 % der US-Vietnamkriegsveteranen Opfer dieses Krieges. Ein wie ich empfinde sehr hoher Wert, wobei darin noch nicht einmal kriegsbedingte Angstzustände, Schlafstörungen etc. berücksichtigt wurden, die keinen öffentlichen Ausgang wie Selbstmord, oder Kriminalität suchten.

Angesichts dieser Zahlen sollte sich jeder fragen, ob ihm das extrem hohe Risiko eines dauerhaften Schadens es tatsächlich Wert ist, Soldat in einem Krieg zu sein.

 

Und die Gesellschaft sollte sich fragen, ob Kriege angesichts des hohen Preises selbst auf der Täterseite überhaupt geführt werden sollten [4].


Aber die „Gesellschaft“ kann sich dies nicht fragen, weil der von ihr zu zahlende Preis des Krieges „der nationalen Sicherheit“ unterliegt und unsere Qualitätsmedien diese Fragen noch nicht einmal ignorieren.

Dabei ist der Preis des Krieges sogar noch höher, als oben skizziert. Unberücksichtigt blieben nämlich die Fälle, in denen sich die seelischen Schäden der Täter gegen Dritte wendeten. Nach offiziellem Ende des letzten Irakkrieges gab es in den USA WÖCHENTLICH einen Amoklauf von Irakkriegsveteranen, wie ich 2004 in Spiegel-online lesen konnte. Die Anzahl der zusätzlichen Schusswaffentoten aufgrund dieser Amokläufe fiel allerdings in den USA angesichts 12.000 Schusswaffentoten pro Jahr nicht weiter ins Gewicht. Daher fiel es unseren Qualitätsmedien nicht schwer ab Ende 2004 nichts mehr über regelmäßige Amokläufe von US-Militärs in den USA zu berichten. Und dies wahrscheinlich nicht deshalb, weil es diese nicht mehr gab.

Amokläufe sind aber nur die extreme Spitze des Gewalteisberges von Kriegsveteranen. Ich gehe davon aus, dass sich Gewalt gegen andere aufgrund von Kriegstraumata zunächst gegen das eigene Umfeld richtet, also die eigene Familie, Kinder, Freunde. Hier ist die Dunkelziffer unüberschaubar, zumal staatliche Stellen alles unternehmen, um dies zu verschleiern [5].
 

Und man sollte einen weiteren Preis des Krieges nicht vergessen. Die allgemeine Verrohung der Gesellschaft, beginnend mit den Soldaten, transportiert durch die Qualitätsmedien um schließlich volksverhetzend beim gemeinen Volk zu wirken. Ich meine damit unsere Einstellung gegenüber den Opfern unserer Kriege, die so weit entmenschlicht werden, dass es kein moralisches Problem mehr darstellt, diese zu demütigen, zu verstümmeln und zu töten [6].  

 

Hier sei neben dem allgemeinen Tenor unserer Qualitätsmedien zu den Opfern unserer Kriege exemplarisch auf zwei Reaktionen von Soldaten verwiesen, die m.E. beide typisch sind:

 

1. nach der von Herrn Oberst Klein veranlassten Bombardierung der Tanklaster in Kunduz im Jahr 2009 und der teilweise gegen den mutmaßlichen Mörder Klein erhobenen Vorwürfe äußerten sich Bundeswehrsoldaten wie folgt:

"Das war ein sauberer Treffer". Dass dort auch unschuldige Zivilisten ums Leben gekommen sein sollen, kann der Soldat nicht glauben. "Das nächste Dorf liegt kilometerweit entfernt, was haben Zivilisten nachts auf einer Sandbank im Fluss zu suchen. Die, die dort umgekommen sind, waren keine Schäfchen."

 

2. Ein US-Soldat, der am Massaker von Haditha [7] teilgenommen hatte, bei dem US Marineinfateriesoldaten aus Rache 24 irakische Zivilisten, davon 5 Kinder und einen Behinderter im Rollstuhl ermordet hatten, äußerte sich auf die Frage, ob er mit den irakischen Opfern seiner Einheit Mitleid hätte, wie folgt:

Nein … wahrscheinlich sind die Hälfte von ihnen ohnehin Verbrecher, man weiß einfach nichts Genaues über sie. Ich habe nie wirklich über sie nachgedacht.“


 

Wer glaubt, dass die billigende Inkaufnahme von Kriegsverbrechen bis hin zu offenem Mord durch Justiz, Politik und Qualitätsmedien keinen Einfluss auf unser Zusammenleben hat, der irrt. Die damit verbundene Verschiebung menschlicher Moralvorstellungen kann unsere Gesellschaft vergiften.

Die Akzeptanz von Verbrechen insbesondere rechter Militärs führt zur Stärkung des Militärblocks mit allen daraus resultierenden Folgen,auch Militärputsche und seien diese auch nur indirekt.


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Soldat (Lied von Gerhard Schöne)

Er ist groß und gut gebaut. Er ist mickrig, früh ergraut.

Er kämpft mit Hightech-Waffen oder Speer.

Er ist drei mal Vater schon. Er ist ein echter Muttersohn.

Und Soldat seit tausend Jahren oder mehr.
 

Er ist Moslem oder Hindu, Jude oder Katholik.

Er ist russisch orthodox und Protestant.

Und er weiß: "Du sollst nicht töten." - heißt das göttliche Gebot.

Doch auf Kommando stellt er jeden an die Wand.
 

Er marschiert für Großbritannien. Er fliegt deutsche Düsenjets.

Er wirft Bomben für die USA. Er lenkt Panzer für die Russen.

Er legt Minen für Irak. Wenn er kämpft, glaubt er, der Frieden wär' ganz nah.
 

Er kämpft nur für Recht und Ordnung, Freiheit und Demokratie.

Für die Ehre stirbt er und für's Vaterland. Sozialismus. Menschheit. Frieden.

Großen Worten läuft er nach. Ist er blind? Hat er die Lügen nicht erkannt?
 

Ohne ihn wär' Hitler Schaffner. Und Napoleon Friseur.

Das Geschichtsbuch wäre nicht so blutverschmiert.

Ohne ihn kein Austerlitz, kein Hiroshima, kein Vietnam.

Ohne ihn läuft nichts, hat er das nicht kapiert?
 

Wird er ewig ein Soldat sein? Hat der Frieden keine Chance?

Oder trinkt mit den Feinden Brüderschaft?

Macht die Waffenhändler brotlos, lacht die Generäle aus

und macht Frieden, aber das mit ganzer Kraft.
 
 

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[1] Man sollte aber nie vergessen, dass ein Teil der Täter kaum als „Opfer“ bezeichnet werden kann, weil diese mit Spaß und ohne jede Empathie morden und verstümmeln.  

 

[2] Auch hier ist die Anzahl der „farbigen“ Toten noch nicht einmal auf 100.000 Menschen genau, während die Anzahl der weißen Toten (vor allem US-Amerikaner) exakt bekannt ist.


[3] Dies ist die unterste Grenze. Andere Studien gehen von bis zu 250.000 Selbstmorden von Vietnamkriegsveteranen aus. Diese hohe Zahl ist nicht so unplausibel, wie es zunächst den Anschein hat. Der US-Fernsehsender CBS hat recherchiert, dass alleine im Jahr 2005 mehr als 6.200 US-Kriegsveteranen Selbstmord verübt haben.  

 

[4] Dass die Opferseite „Vietnam“ (oder andere von einer westlichen „Intervention“ beglückte Staaten) einen noch wesentlich höheren Preis zahlen muss, sollte jedem klar sein.


[5] Anfang der 1980ger Jahre machte ich in einem Dorf in Niedersachsen Praktikum und kam dort in der Dorfkneipe mit Soldaten aus dem ersten Weltkrieg ins Gespräch. Diese erzählten mit einer Begeisterung von dem Krieg, die ich einerseits faszinierend, andererseits unheimlich fand (und die letztlich dazu führte, dass ich Pazifist wurde). Sie berichteten, dass das Schlimmste der Schlamm, das Warten, die Feuchtigkeit und das schlechte Essen sei. Vom Töten von Feinden und Sterben von Kameraden berichteten sie dagegen zwar detailreich, aber wenig emphatisch. Die drei ehemaligen Soldaten waren allesamt 1914 16 und jünger und wurden ab 1915 als 17-jährige an die Fronten schickt. Zwei der drei gerieten im Oktober / November 1918 in französische Kriegsgefangenschaft, aus der sie etwa Mitte 1919 fliehen konnten.

Danach waren sie nicht etwa Kriegsgegner, sondern traten mit Begeisterung den sich bildenden Freikorps bei, um auf Spartakisten zu schießen...

Nachdem ich häufiger mit diesen drei redete, sprach mich ein "Veteran" aus dem zweiten Weltkrieg an. Dieser kam als 17-jähriger "Kindersoldat" 1940 zu Wehrmacht (Fallschirmjäger) und hatte das Glück, dass er nirgends in "richtige" Kämpfe verwickelt wurde, bevor er 1942 in Afrika in britische Kriegsgefangenschaft geriet (An der Luftlandung in Kreta nahm er auch teil. Allerdings zog es der Pilot seines Flugzeuges vor, das Flugzeug mitsamt seinen kampfwilligen Fallschirmjägern auf einer kleinen griechischen Insel vor Kreta notzulanden...). Und dieser ehemalige Soldat war ein deutlicher Kriegsgegner und kam daher mit den drei kriegsbegeisterten nicht gut klar.

Aus diesen (wenigen) Gesprächen kann ich nur schließen, dass der Krieg viele Menschen, die daran aktiv als Soldat teilnehmen, dauerhaft so "abtötet" und unmenschlich macht, dass ihnen Tod und Leid offenbar gleichgültig sind. Und dies bezieht sich sowohl auf Tod und Leid von "Kameraden", als auch des "Feindes". Gegen diese Gleichgültigkeit dem Leben gegenüber hilft zuverlässig nur, gar nicht erst am Morden teilzunehmen. Ansonsten ist das Risiko, seine Fähigkeiten als fühlender Mensch zu verlieren, einfach zu groß.

Und noch eine Schlussbemerkung: Andere Kneipenbesucher erzählten mir von den Gerüchten, dass mindestens einer der Erster Weltkriegsveteranen seine eigenen Kinder massiv sexuell missbraucht hat. Dies hielt ich damals für üble Nachrede, heute aber scheint mir der Vorwurf nicht unplausibel, Womit ich allerdings in erster Linie den Krieg verurteile, der damit noch zahlreiche weitere Opfer gefordert hatte. Was auch Karl Kraus 1918 in Die letzten Tage der Menschheitausdrückt:

Die heimkehrenden Krieger werden in das Hinterland einbrechen und dort den Krieg erst beginnen. Sie werden die Erfolge, die ihnen versagt waren, an sich reißen und der Lebensinhalt des Krieges, den Mord, Plünderung und Schändung bilden, wird ein Kinderspiel sein gegen den Frieden, der nun ausbrechen wird.


Der Vollständigkeit halber: Natürlich werden nicht alle an einem Krieg teilnehmenden Soldaten so gebrochen, dass sie fortan keine oder nur noch wenig Emphatie empfinden können. Es gibt zahlreiche ehemalige Soldaten, die strikte Kriegsgegner waren (und sind). In diesem Zusammenhang möchte ich ausdrücklich die Refuseniks der israelischen Streitkräfte, die Winter Soldier gegen den Vietnamkrieg, ehemalige Wehrmachtsoldaten gegen die Wiederbewaffnung und viele andere nennen.

Überflüssig zu sagen, dass diese Soldaten ihre Meinungen gegen den Widerstand der Medien und der Politik vertreten mussten. Da sie zudem mit übler Nachrede sowie versteckten und offenen Drohungen seitens der Politik und Qualitätsmedien konfrontiert waren (und sind) und sie trotzdem bei ihrer Kriegsgegnerschaft blieben, gebührt ihnen meine Hochachtung.

Neben diesen "menschlich" gebliebenen Soldaten trägt aber mindestens eine große Minderheit bleibende seelische Schäden davon, ohne dass es den betreffenden Personen klar ist. Wie bereits erwähnt: Gewalt gegen Familienmitglieder, fehlende Emphatie gegen Leid etc. Und darauf möchte ich besonders hinweisen.


[6] Unseren Qualitätsmedien gelingt es immer wieder, aus den Opfern der zahlreichen westlichen Bombardierungen die eigentlichen Täter zu machen. Nach den Bombardierungen von Libyen 1986 durch US-Bomber wurden die zivilen Opfer dieser Angriffe allen ernstens gefragt, ob sie nicht durch die eigene Luftabwehr zu Schaden gekommen sind, mithin nicht Opfer der US-Angriffe seien. 

Weil diese Fragen 1986 schon so erfolgreich waren, stellten sie unsere „Journalisten“ auch 1991 und 2003 in Bagdad...


[7] Zunächst wurde das Massaker von offiziellen US-Stellen geleugnet. Als es nicht mehr zu leugnen war, wurde Anklage gegen den Gruppenführer der Einheit, die das Massaker begangen hatte (Frank Wuterich), erhoben. Am 24. Januar 2012 wurde dieser vom Militärgericht zu 3 Monaten Haft verurteilt. Diese Strafe musste er aus Verfahrensgründen nicht absitzen.

3 Monate für 24-fachen Mord...

 

Die heimkehrenden Krieger werden in das Hinterland einbrechen und dort den Krieg erst beginnen. Sie werden die Erfolge, die ihnen versagt waren, an sich reißen und der Lebensinhalt des Krieges, den Mord, Plünderung und Schändung bilden, wird ein Kinderspiel sein gegen den Frieden, der nun ausbrechen wird.

Karl Kraus 1918
über die „kaputten“ Heimkehrer aus dem ersten Weltkrieg in
Die letzten Tage der Menschheit

 

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