Was ist zu tun?

Wenn ich mit Freunden, Verwandten oder Bekannten über Politik diskutiere und auf den für mich offensichtlichen Mangel an (sozialer) Gerechtigkeit, die zunehmende unsagbare Gewalt gegen die „Feinde“ des Westens, den Mangel an Rechtsstaatlichkeit und Demokratie sowie auf den Unwillen unserer Medien hinweise, sich mit diesen Dingen zu beschäftigen, fühle ich mich oft an folgenden Witz erinnert:


Zwei Männer gehen auf Tigerjagd. Sie entdecken und erlegen eine besonders großes und schönes Tier, haben aber das Problem, dass der Tiger zu schwer ist, um nur mit Muskelkraft abtransportiert zu werden. Darauf schlägt der eine Mann vor: „Bleib du hier und bewache den Tiger, ich hole das Auto.“ Gesagt, getan. Als der Mann mit dem Auto wieder kommt, ist der Tiger verschwunden. Er ist ganz verblüfft und fragt seinen Kollegen: „Wo ist der Tiger?“. Der antwortet: „Welcher Tiger?“ Darauf entspinnt sich folgender Dialog:

Na, wir sind doch heute morgen auf Tigerjagd gegangen.“

Ja, stimmt“

Und dann haben wir den Tiger entdeckt“

Ja, stimmt“

Und dann haben wir den Tiger erlegt“

Ja, stimmt“

Und dann haben wir gemerkt, dass der Tiger zu schwer ist und einer von uns das Auto holen muss“

Ja, stimmt“

Und dann habe ich das Auto geholt“

Ja, stimmt“

Und: Wo ist der Tiger?“

Welcher Tiger?“

 

Oft beginnen die Diskussionen bei Pontius und Pilatus, um eine gemeinsame Diskussionsgrundlage zu haben. Wir erzielen oft Konsens. Bis zu dem Punkt jedenfalls, an dem es interessant wird. Und dann erhalte ich (im übertragenen Sinn) fast immer die Antwort: „Welcher Tiger?“

Mittlerweile frage ich mich, ob ich selber nur Gespenster sehe. Wenn ich ganz klar und deutlich zu erkennen glaube, dass uns die Mächtige, die Medien und die Politik nur vereimern und von den wesentlichen Fragen ablenken, fast alle anderen Menschen dieses aber nicht sehen, kann es ja auch daran liegen, dass nur meine Phantasie mit mir durchgeht. Schließlich sind meine Gegenüber oft intelligenter als ich, wie kann ich da argumentieren, die anderen seien blind, nur ich könne sehen?  

Was mich allerdings stutzig macht, ist die Tatsache, dass die Argumentationsstrategie frei nach Wilhelm Busch („Denn daraus schloss er messerscharf, dass nicht sein kann, was nicht sein darf) bei meinem Gegenüber oft so gewählt wird, wie in unseren Qualitätsmedien vorgegeben:

Erste Stufe: es wird geleugnet

wenn nicht mehr geleugnet werden kann, folgt Stufe zwei: es wird der gute Wille der Politik hervorgehoben, die nicht zu leugnenden Missstände sind entweder Pech oder – nur allzu menschlich – beruhen auf Uninformiertheit bzw. Dummheit

wenn auch der Vorsatz nicht mehr geleugnet werden kann, folgt Stufe drei: Na ja, auch Politiker sind nur Menschen, und die sind nun einmal gierig, wer würde nicht versuchen, namenlose Institutionen zu übervorteilen, zumal wenn man so clever ist, dies auch durchführen zu können?  

 

Was aber auf keinen Fall geäußert wird ist grundsätzliche Systemkritik: Wenn unser System Menschen fördert, die gierig sind, ist es da nicht an der Zeit, die Randbedingungen so zu ändern, dass die Gier nicht (immer) die Oberhand behält?

Was ebenfalls niemals thematisiert wird: Wer profitiert von dem System? Welche Folgen hat es, wenn ein paar Tausend Menschen mehr Geld und Vermögen „besitzen“, als 50% der Menschheit?   

 

Wie kann man glauben, dass das eigene Interesse als vereinzeltes Individuum gegenüber dem Großkapital durchsetzbar ist. Gegenüber Reichen und Mächtigen, die alle Möglichkeiten haben, einzelne wirtschaftlich und gesellschaftlich zu ruinieren und die die öffentliche Meinung durch den Besitz von Massenmedien „formen“ können?

Weil diese Menschen, die riesige Vermögen angehäuft haben, in Wirklichkeit – mindestens in ihrer Mehrheit – gute Menschen sind, die ihre Macht niemals zu ihrem eigenen Vorteil einsetzen würden?

  Daher wäre es doch für die Masse der Menschen aus wohlverstandenem Eigeninteresse zwingend erforderlich, sich zusammenzuschließen, die Idee „Gewerkschaften“ mit Leben zu erfüllen. Es geschieht aber genau das Gegenteil. Gewerkschaften sind zahnlos und verstehen sich als „Sozialpartner“ der Großunternehmen. Obwohl sie bereits weitgehend bedeutungslos sind, werden sie durch die Presse noch weiter marginalisiert, Gewerkschaften, wie die GDL, die wenigstens ansatzweise die Interessen der Arbeitenden vertreten, werden verunglimpft. Die Kombination aus Zahnlosigkeit und medialen Dauerbeschuss führt dazu, dass die Gewerkschaften in weiten Teilen der Bevölkerung einen sehr schlechten Ruf haben und mit Sicherheit nicht als Möglichkeit zur Problemlösung betrachtet werden. Was ja auch das Ziel der Qualitätsmedien ist.


  

Außerdem sollte man sich einmal überlegen, wie die Herrschaften Milliardäre zu ihren Vermögen gekommen sind. Durch Menschenfreundlichkeit? Durch Tüchtigkeit, harte Arbeit [1] und Findigkeit?  Ich glaube manchmal, meinen Mitmenschen ist nicht klar, wie lange es benötigt, um 1.000.000 € durch harte Arbeit zu „verdienen“. Das Durchschnittsbruttoeinkommen betrug im Jahr 2014 in Deutschland knapp unter 32.000 € (Statista). Selbst wenn ich Jahr für Jahr diese 32.000 € auf die hohe Kante lege, benötige ich über 30 Jahre, um 1.000.000 € Vermögen aufzubauen [2]. Um Milliardär zu werden, benötige ich schon 30.000 Jahre …  

 

Aufgrund dieser Überlegungen behaupte ich, dass niemand zu einem Vermögen von auch „nur“ 10.000.000 € durch harte Arbeit und Findigkeit kommen kann, geschweige denn dazu, Milliardär zu werden.

Wenn diese Herrschaften aber weder durch Menschenfreundlichkeit, noch durch eigene harte Arbeit zu ihrem Vermögen gekommen sind, kann ich doch nicht davon ausgehen, dass sich Milliardäre freiwillig fair gegenüber der Gesellschaft verhalten [3].

Daher müssen wir die Milliardäre – schon aus wohlverstandenem eigenen Interesse – dazu zwingen, sich fair gegenüber der Gesellschaft zu verhalten. Was nicht einfach sein wird, weil  potenziell Mächtige im Zweifel nicht nur besonders rücksichtslos sind, sondern auch gut andere Menschen beeinflussen können. Und besonders charmant und auch besonders intelligent sind. Aber eben nicht besonders emphatisch.


Was ist also zu tun?

Auch wenn wir keine Chance haben, müssen wir uns gegen die Todespraxis [4] wehren. Nicht, indem wir uns der Methoden unserer Feinde bedienen, sondern indem wir immer wieder auf das Grundgesetz und die damit verbundene Moral verweisen. Indem wir uns klar machen:  In Deutschland ist das Volk der Souverän. (Artikel 20 (2) Grundgesetz:  „Alle Staatsgewalt geht vom Volke aus.“). Regierung und Parlament wurde die Macht vom Volk nur übertragen, sie sind in einem besonderen Maß an Recht und Gesetz gebunden [5].


Vielleicht gelingt es, eine kritische Masse davon zu überzeugen, dass etwas faul ist im Staate Dänemark. Schließlich glaubt eine überwältigende Mehrheit meiner Mitmenschen die offizielle Sicht, obwohl sie in dem engen Gebiet, in dem sie „Fachleute“ sind wissen, dass die offiziellen Verlautbarungen bestenfalls Propaganda sind.

Aber um dies zu erkennen, benötigt man Zeit, man muss Langeweile zulassen, damit abseits der  ausgetretenen Pfade darüber nachgedacht werden kann, wie wir leben wollen [6]. Um dann – wie es eigentlich in der Natur des Menschen ist das „undenkbare“ zu denken, nämlich wieder für den Schutz von Schwachen einzutreten und Solidarität zu leben. Arundhati Roy drückt dies so aus:

In Zeiten, in denen Opportunismus alles ist, in denen es keine Hoffnung zu geben scheint, in denen alles zu einem zynischen Geschäft reduziert wird, müssen wir wieder den Mut finden, zu träumen und die Phantasie zurückzufordern.    Das Träumen von Gerechtigkeit, von Würde, von Freiheit. Für jeden. ...   

Wir müssen verstehen, wie die gute alte Maschine funktioniert, für wen und gegen wen sie arbeitet. Wer bezahlt und wer profitiert.


 

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[1] Don Marquis: „Wenn ein Mensch dir sagt, er sei durch harte Arbeit reich geworden, frag ihn, durch wessen Arbeit.“


[2] Ein schönes Beispiel zur Verbildlichung von Einkommensunterschieden hat Randall Munroe in seinem Buch "What if?" gemacht:

- Jemand, der in den USA Mindestlon erhält, würde in einer Woche (42 Arbeitsstunden!) 1,36 kg 25 Cent-Münzen erhalten. Eine Masse, die man ohne Probleme tragen kann.

- Ein Manager mit einem Einkommen von 10 Mio. $ pro Jahr erhält, müsste schon 150 kg pro Arbeitsstunde zur Bank schleppen. Eine tagesfüllende Tätigkeit, da es mit einem Gang pro Stunde kaum getan wäre. Der arme Manager müsste pro 42 h Arbeitswoche 6.300 kg Münzen zur Bank schleppen!

Oder in Volumen ausgedrückt: Hat dieser Manager ein 28 m² großes Büro und würden in dieses Büro sein Einkommen in 25 Cent-Münzen hineinregnen, würde der Fußboden arbeitstäglich um 1,3 cm anwachsen. Dieses Büro mit einer angenommenen Höhe von 3,5 m wäre also nach weniger als 270 Arbeitstagen voll.

- Ein Superreicher mit einem Einkommen von 1 Mrd. $ im Jahr müsste schon 15.000 kg pro Arbeitsstunde zur Bank schleppen. Dies ist unmöglich, dieser Superreiche würde schon ein Förderband benötigen (oder viele kleine geldschleppende Angestellte...). Dies sind pro 42 h Arbeitswoche 630.000 kg!

Oder in Volumen ausgedrückt: Hat dieser Superreiche ein 28 m² großes Büro und würden in dieses Büro sein Einkommen in 25 Cent-Münzen hineinregnen, würde der Fußboden arbeitstäglich um 130 cm anwachsen. Dieses Büro mit einer angenommenen Höhe von 3,5 m wäre also nach weniger als 3 Arbeitstagen voll.


[3] Neben superreichen Individuen verhalten sich auch die von ihnen beherrschten multinationalen Konzerne alles andere, als fair gegenüber der Gesellschaft.

Hierzu möchte ich zwei Beispiele aus der Ölindustrie nennen, die Greg Palast in seinen Büchern beschreibt:


    1. BP in Aserbaidschan 

BP hat sich große Teile der Ölfelder in Aserbaidschan sichern können. Aserbaidschan war in der Sowjetunion nicht nur Standort von Ölfeldern, sondern auch das Zentrum für Erdölbohr- und -förderindustrie. In Baku herrschte ein mindestens ebenso großes know how zur Erdölförderung, wie in Texas.

Obwohl es im Eigeninteresse Aserbaidschans sein sollte, diese Industrie zu schützen / zu stützen, „vergaß“ man, BP dazu zu verpflichten, wesentliche Anteile der benötigten Förderaggregate im Land zu kaufen. Statt dessen durfte BP bei Halliburton den Bedarf decken, die aserbaidschanische Förderindustrie ging pleite, hochqualifizierte Mitarbeiter wurden und blieben arbeitslos. Bei über 50% Arbeitslosenquote ist es kein Wunder, dass die Löhne für die Ölarbeiter ins Bodenlose fielen, in den 1990gern wurden auch für Fachleute nur 1.000 $/a gezahlt. Mit anderen Worten: Eine win-win Situation (für Halliburton und BP).

Im übrigen verpflichtete sich die Regierung Aserbaidschans (wahrscheinlich wegen des guten ausgehandelten Vertrages), Gewerkschaften zu verbieten. Und Umweltschutz – wer brauch dies schon. Hohe Krebsraten unter Arbeitern und Anwohnern werden sicher andere Ursachen haben, wahrscheinlich der ungesunde Lebenswandel der Menschen vor Ort.

Oben erwähnte ich das Eigeninteresse Aserbaidschans. Das war natürlich ein Witz. Weil es nur um das Eigeninteresse der Präsidentenfamilie Aserbaidschans (und um die des Multis BP) ging.

Aber wie sagte noch der Direktor von Shell N. Achebe 1995: Für ein Unternehmen, das Investitionen tätigen will, ist ein Klima der Stabilität unverzichtbar. … Diktaturen bieten eben dieses.    


2. Chevron in Ecuador

Chevron (bzw. sein Vorgänger Texaco, der in Chevron aufgegangen ist) hat in Ecuador bei seinen Ölförderungen schwere Umweltschäden hinterlassen. Sehr viele Menschen wurden vergiftet, viele haben Krebs. Ecuador fordert darauf von Chevron Schadensersatz und geht (im eigenen Land) vor Gericht. Chevron verpflichtet sich, das Urteil zu akzeptieren, schafft aber während des Gerichtsverfahrens alle Vermögenswerte außer Landes. 

Chevron wird von dem Gericht 2013 zu Sanierung der Schäden und zu Schadenersatz verpflichtet, insgesamt müsste Chevron 8,6 Mrd $ zahlen. Dies lehnt Chevron ab. Darauf versucht die Regierung Ecuadors weltweit Geld von Chevron zu pfänden. Chevron strengt darauf gegen Ecuador und seine Unterstützer Klage in den USA wegen Verschwörung und organisierte Kriminalität an. Die Unterstützer Ecuadors in den USA werden zudem auf Millionen Dollar Schadenersatz verklagt.

Eine (Zivil)Klage Ecuadors gegen Chevron in den USA verlief schlecht für die Menschen in Ecuador: Ein US Gericht wies die Schadenersatzansprüche zurück, da das Urteil in Ecuador aufgrund von Erpressungen (!) und Bestechungen (!) zustande kam. Nun ja.

Dies erinnert ein wenig an das zivilrechtliche Verfahren gegen Union Carbide wegen der von Union Carbide (heute: Dow Chemical) grob fahrlässig verursachten Katastrophe in Bhopal (Indien) mit immerhin 8.000 Toten und 150.000 Verletzten. Das US Gericht lehnte seine Zuständigkeit ab, da es sich bei dem verursachenden Unternehmen -   Union Carbide India – um ein indisches Unternehmen handele, mithin indische Gerichte zuständig seien („Forum non conveniens”).

In diesem Zusammenhang ist es interessant zu wissen, dass ein US-Gericht einen Zivilprozess einer Deutschen gegen die Deutsche Bahn AG aufgrund des Unglücks in Eschede zuließ … Bei diesem Unglück, das noch nicht einmal fahrlässig herbeigeführt wurde, ging es auch nicht um mögliche Milliardenforderungen gegen einen US-Konzern...


[4] Helmut Gollwitzer: „Das ist Todespraxis: Die Verdinglichung des Menschen als Mittel zum Zweck, als Sklave oder Feind. Neue Lebenspraxis heißt demgegenüber: Brüderlichkeit. Einander in Anspruch nehmen und in Anspruch nehmen lassen. Füreinander da sein“


[5] Artikel 20 Grundgesetz im Wortlaut

(1) Die Bundesrepublik Deutschland ist ein demokratischer und sozialer Bundesstaat.

(2) Alle Staatsgewalt geht vom Volke aus. Sie wird vom Volke in Wahlen und Abstimmungen und durch besondere Organe der Gesetzgebung, der vollziehenden Gewalt und der Rechtsprechung ausgeübt.

(3) Die Gesetzgebung ist an die verfassungsmäßige Ordnung, die vollziehende Gewalt und die Rechtsprechung sind an Gesetz und Recht gebunden.

(4) Gegen jeden, der es unternimmt, diese Ordnung zu beseitigen, haben alle Deutschen das Recht zum Widerstand, wenn andere Abhilfe nicht möglich ist.


[6] Langeweile zu fordern ist gerade heute vermessen, wo es zahlreichen Menschen schwerfällt, auch nur ein wenig Langeweile zuzulassen. Aber wenn man permanent „in Bewegung“ ist und von „Verpflichtung“ zu „Verpflichtung“ hetzt, ist es nahezu unmöglich eigenständige Gedanken zu fassen. Was wir alle beobachten können.

Und damit gilt zur Zeit noch, was Frau Arundhati Roy feststellt: „Gewöhnliche Menschen sind vielleicht viel zu müde, um sich anzustrengen, um sich aufzumachen und herauszufinden, was vor sich geht. Also leben sie weiter in der Blase von den Werbespots und ohne jede ernsthafte Information.“

Die Sünde, die ein Mann gegen sich selbst begeht, gehört ihm allein, nicht mir. Sündigt er gegen einen Mitmenschen, so hat er es zu verantworten, nicht ich.  

Aber die Sünde derer, die das Volk in die Höhe gehoben und über sich gesetzt hat, denen sie das Schwert der Macht in die Hand gegeben, diese Sünden fallen auf uns zurück.  

Da ist keiner in einem Volk so klein, dass er sagen dürfte: "Ich habe keine Verantwortlichkeit an den Handlungen dieses Mannes". Wir haben ihm die Waffen und die Gewalt verliehen, und das Böse, das er damit verübt, ist mehr unser, als sein Tun.  

Olive Schreiner, 1898


 

Eine Gesellschaft wird frei und gottgefällig sein, wenn niemand mehr aus Angst vor dem Fürsten oder vor der Hölle handelt, oder aus dem Wunsch nach Belohnung durch einen Höfling oder im Paradies.

Ibn Ruschd (1126-1198)

 

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